Die eher kurze, späte, dafür aber umso vorurteilsbeladenere Berichtserstattung einer mindestens imaginären Reise nach dem tiefen Süden

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Also ein paar Tage in Fuengirola an der Málagaküste, kalte Dezembertage – und damit betreten wir sogleich das Minenfeld meiner Vorurteile, die von einem Bilbaoer gegen ‘den Süden’. Die Andalusier demnach als Gitarren- und Stierkampfvolk, Flamencotänzer usw. Und die doch, so scheint es, nicht genug ernsthaft Notiz genommen haben von der weltweit zu spürenden Existenz einer schon postindustriellen, schon digitalen Gesellschaft. Die spanische Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt ja die schrecklichen Folgen dieses Anachronismus für die Leute – ach die lieben Anarchisten von Andalusien, die im übrigen so ganz verschieden waren von ihren Glaubensgenossen  aus Katalonien, zum Beispiel von denen der anrüchigen FAI [Federación Anarquista Ibérica], Buenaventura Durruti ja, aber auch killers unter ihnen.


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Mein unauslöschlich bewunderter Bertrand Russell, ein Freund des Historikers und Hispanisten Gerald Brennan (The Spanish Labyrinth), hat vor dem Bürgerkrieg manche klaren Bemerkungen betreffend unsere Geschichte fallen lassen… Es gibt à propos mindestens ein Bild, auf dem der gute Bertie an einem spanischen Strand der 20er liegt… in Badehose!


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‘Die Linien des Lebens sind verschieden’ (Hölderlin schon verrückt in Tübingen – verrückt?), und der Weg der Andalusier zur Moderne mag so vertrackt wie nur möglich sein, das ist ihr Recht und darauf lasse ich mich nicht ein. Die Vorurteile aber bleiben, in meinem Kopf zugelassen, auch doch noch ein wenig in der sogenannten Aussenwelt, wie ich während unserer Ausflüge durch die umliegenden Dörfer festgestellt habe. Die Leute aber, ganz besonders an den kleinen Orten, überaus nett und höflich. (Am Steuer Óscar, da der Nichtsnutz, der unterschreibt, nicht einmal einen Führerschein,besitzt, wie du lange und richtig gerochen hast). Aber die Rechnung wäre lächerlich unvollständig, wenn wir keine kritischen parallelen Betrachtungen anstellen würden über die anderen... zuallererst über Madrid. Aber Schluss damit, das war eine seriöse Berichtserstattung bitte sehr, keine nationale Selbstpeitschung.


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Engländer, permanent pensionierte Engländer, überall. Und interessanterweise keine Deutschen, oder kaum (sie konzentrieren sich etwa auf Mallorca und die kanarischen Inseln). Unzweifelhaft working-class, intelligente Gesichter oft, nicht selten auch noch… stark alkoholisierte Gesichter (kein Tadel, bitte, intelligente Alkoholiker, wie die angelsächsische Kultur manchen kennt, sind mir überaus sympathisch). Sehr deutlich der Kontrast zu der Rolle der (bescheidenen) nouveaux riches, die die Spanier von der Küste spielen – Leute, deren Lebensstandard strikt verursacht wurde vom Tourismus, also vom Verkauf von Geundstücken. Erst dann wurden allerlei Läden eröffnet, Supermärkte, Video- und digitale Geräte, Nail and (Eye)lahes, Restaurants, Hotels, Appartements.


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Das Allerbeste – der Strand und die Mittagssonne, wenn sie an den kleinen, gehorsamen Wellen, die beinah am Ziel sind, zerbricht.


Ganz gut passend hier Antonio Machado:

El soñador ha visto que el mar se le ilumina 

y sueña que es la muerte una ilusión del mar

[Der Träumer hat gesehen, dass das Meer für ihn leuchtet,

und er träumt davon, dass der Tod eine Meeresillusion ist.]


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Nicht ohne ist die geschichtliche Tatsache, dass in der Umgebung vom heutigen Málaga vor drei oder vier Äonen sich die Phönizier niederliessen, um eine factoría zu ergründen, also Salzgewinnung und Fischfang. Vermutlich fanden sie schon dort Urmalagueños vor.


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Eine Erwähnung, und sei sie ganz kurz - die Kathedrale ist bei weitem ein Muss. In einem Stadtviertel, das Palermo nicht unähnlich ist, erhebt sie sich hoch, architektonisch total eklektisch, ungemein ansprechend in seiner Kompliziertheit das Domgebäude (irre ich mich nicht, Málaga, also Stadt und Provinz, wurden längst unter die Fittiche eines katholischen Erzbischofs genommen.)



Á. R.

Madrid, den 15. Januar 2022.